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Artikelserie: Online-Coaching Teil 1: Was ist Online-Coaching und welche Verfahren gibt es?


Was ist Online-Coaching und welche Verfahren gibt es?

In dieser Artikelserie stelle ich Ihnen Online-Coaching als ein attraktives Einzelcoachingformat mit Zukunft vor. Teil 2 befasst sich mit dem textbasierten Online-Coaching und warum das schreibende Coaching eher unbekannt und doch so wirkungsvoll ist. In Teil 3 stelle ich Ihnen einige Plattformen und Tools vor, die Sie beim Einstieg ins Online-Coachinggeschäft kennen sollten.

Teilen Sie meine Beobachtung, dass internetbasiertes Coaching ein Zukunftstrend ist? Sie als Coach und BeraterIn können sich entweder damit auseinandersetzen oder medienaffinen Menschen dieses Feld überlassen. Ich plädiere dafür, dass gut ausgebildete Coachs hier auf den Markt gehen und zusätzliche Online-Coaching-Kompetenzen erwerben. Einerseits ergibt sich die Möglichkeit, vielen Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen kein persönliches Coaching aufsuchen würden, auch online ein qualifizierter Sparringspartner zu sein. Andererseits können wir so alle daran arbeiten, dass Coaching nicht nur durch unseriöse Internetangebote einen (weiteren) Imageschaden erfährt.

Versuch einer Definition von Online-Coaching

Die Begriffswelt für Online-Coachingangebote ist genauso vielfältig wie die Angebote selbst: E-Coaching, Distance Coaching, Virtuelles Coaching, Remote Coaching, Web Coaching, Cyber Coaching oder Digitales Coaching existieren als Containerbegriffe und werden noch durch spezifischere Medienangebote ergänzt wie E-Mail-Coaching, Chat-Coaching, Videocoaching, SMS-Coaching, Skype-Coaching etc.

Eine schlichte Definition von David Clutterbuch, dem Co-Founder des „European Mentoring and Coaching Council“, der ich mich gerne anschließe, lautet: Online-Coaching ist eine Entwicklungspartnerschaft, in der der Lerndialog online geführt wird.

Etwas differenzierter betrachtet prägen drei grundlegende Bestandteile das Online-Coaching:

  • Die Coaching-Beziehung: Sie wird auf Augenhöhe geführt, die eben nicht hierarchisch und Rat gebend angelegt ist, wie in diversen Beratungs- und Therapieangeboten.
  • Der Coaching-Gegenstand: Die Lern- und Reflexionsprozesse finden eingebettet in die reale Lebens- und Arbeitswelt des Klienten statt und dieser Transfer soll durch den internetbasierten Coachingprozess erleichtert werden.
  • Die Coaching-Kommunikation: Sie findet nicht in der Präsenzbegegnung (Face-to-Face, weiterhin F2F abgekürzt) statt, sondern ortsunabhängig und medial vermittelt. In der schriftlichen Coachingkommunikation ist sie darüber hinaus noch asynchron, das heißt auch zeitlich unabhängig. Coach und Coachee entscheiden innerhalb eines zeitlichen Rahmens selbst, wann sie ihren Part der Kommunikation gestalten.

Online-Coaching ist keine neue Technik oder Methode. Online-Coaching ist nach meiner Auffassung ein neues Coachingformat. Dieses Format kann wiederum ausdifferenziert werden über unterschiedliche Verfahren, die das Format auch im Bezug auf die Beziehungsgestaltung, die zu bearbeitenden Anliegen und die Kommunikationsform beeinflussen. 

Bild- und audiogestützte Coachingformen

Telefoncoaching

Dieses Coachingangebot ist fast schon klassisch zu nennen, da es bereits schon lange vor der Internettelefonie angewandt wurde. Hier gibt es immer wieder auch hybride Formen, dass Coachs nach einem Face-to-Face-Erstgespräch in Absprache mit dem Coachee Telefoncoaching ermöglichen, damit beispielsweise Fahrtzeiten für Klienten reduziert werden. Kennzeichen sind:

  • Coach und Coachee sehen sich nicht. Augenkontakt findet nicht statt, nonverbale Signale sind eingeschränkt. Allerdings kann über die Stimmmodulation, kleine Nebengeräusche, Lachen etc. einiges über den Gefühlszustand des Gesprächspartners abgeleitet werden.
  • Die Kommunikationspartner befinden sich in ihrem häuslichen Umfeld und sollten sich von Störungen abschirmen. Bei Auslandsgesprächen kann die Verbindung leicht zeitverzögert sein oder ein gelegentliches Echo auftreten, was als störend empfunden wird. Auch technische Verbindungsstörungen sind möglich.
  • Auch bei Voice over IP (also der Internettelefonie) können die gleichen technischen Störungen auftreten wie bei den anderen internetgestützten Kommunikationsformen.
  • Die erweiterte Technologie der Smartphones erlaubt mediale Erweiterungen im Coaching, so können beispielsweise Redebeiträge aufgezeichnet, Bilder verschickt und SMS-Botschaften gesendet werden, die das Hauptkommunikationsmedium Telefon unterstützen.
  • Darüber hinaus lassen sich über spezielle Apps weitere Kommunikationsformen per Telefon aufrufen, z.B. Videotelefonie per Facetime (iPad oder iPhone) oder Chatdienste. Hier ist WhatsApp ein sehr verbreiteter Dienst.
  • Die Einschränkung der Sinneskanäle, die sogenannte Kanalreduktion, wird im Telefoncoaching immer wieder als nachteilig für den Coachingprozess angesehen. Coachs sind angewiesen auf nonverbale Signale, die sich über die Gestik und Körperhaltung ausdrücken, um Inkongruenzen im Sprechen und Verhalten aufzeigen zu können oder auch um intuitiv passende Interventionen anbieten zu können. Immer wieder wird aber auch das Gegenargument angeführt, dass über diese Reduktion auch Konzentration erfolgt und der auditive Kanal dann plötzlich mehr Informationen – und ausreichend Informationen – liefert, um erfolgreich coachen zu können.
  • Klienten sind sehr zufrieden mit dieser Form des Coachings, vermutlich auch deshalb, weil sie sich den Kommunikationskanal bewusst gewählt haben und es möglicherweise ihr Medium ist.

Videocoaching

Videocoaching findet meist über eine Webcam, die in den PC integriert oder zusätzlich angeschlossen wird, statt. Dieser Typus von Online-Coaching erfährt meiner Wahrnehmung nach gerade den größten Zuwachs, in der Form, dass Coachs und BeraterInnen diese Technologie einfach mal ohne große Vorbereitung als Online-Coaching anbieten. Die Technik ist für viele Coachs und Klienten niedrigschwellig, da nahezu alle modernen Laptops mit dieser Technologie bereits in dem Maße ausgerüstet sind, dass man gleich mit der Kommunikation loslegen kann.

  • Videocoaching wird als nächster Verwandter zum Präsenzcoaching gesehen, da man sich ja auch sieht. Allerdings ist dieses Sehen nur vermeintlich, denn der direkte Blickkontakt fehlt. Es ist entweder möglich, direkt in die Kamera zu schauen – und das Gegenüber meint, wir sehen es an. Oder wir schauen auf das Videobild des Kommunikationspartners und unsere Augen schauen nicht mehr direkt in die Kamera.
  • Dennoch ist es möglich, die Mimik zu erkennen, evtl. auch ein wenig Gestik in die Kommunikation mit einzubeziehen und viele Coachs fühlen sich hiermit sicherer, weil ihnen das Setting vertrauter vorkommt als beim rein textbasierten Online-Coaching.
  • Auch Videocoaching kann durch andere Kommunikationsformen oder Medien ergänzt werden. Beispielsweise kann der Coach beim Videocoaching per Skype in der Chatfunktion mitprotokollieren. Das ist auch ein gern genutzter Dienst, wenn die Verbindung ausfällt. Auch das Teilen von Dateien oder eine Screenshot-Funktion sind hier möglich. Warum Skype aber nicht das Mittel der Wahl sein kann, wenn es um professionelles Videocoaching geht, stelle ich Ihnen in Teil 3 dieser Artikelserie vor.
  • Insgesamt ist es immer ratsam beim Videocoaching auch eine Fallback-Option einzubauen, beispielsweise Telefonnummern auszutauschen, wenn die Verbindung ausfällt. Das geschieht öfter, als man denkt, gerade bei Unwetter oder dann, wenn das Internet besonders frequentiert wird. Eine offene Frage ist für mich hier noch die Abrechnungsmodalität bei technischen Störungen, die oft weder dem Klienten noch dem Coach zugeschrieben werden können.
  • Manche Coachs beginnen das Videocoaching persönlich und stellen das Videobild nach einer Weile aus, damit die Verbindung besser läuft oder um bewusst eine Kanalreduktion herbeizuführen. Diese Art Coaching verbindet beide Vorteile von Videocoaching und Telefoncoaching.
  • Gerade für jüngere und mobile Klienten scheint das Videocoaching ein niederschwelliges Angebot zu sein, weil es auf einer ihnen bereits vertrauten Technologie aufsetzt und zumindest in Ansätzen persönliche Nähe vermittelt, die im textbasierten Coaching erst aufgebaut werden muss.

Textbasiertes Coaching

Chat-Coaching

Auch wenn Chat-Coaching im Online-Einzelcoaching eine eher untergeordnete Rolle spielt, findet ein großer Anteil von Online-Beratung per Chat statt. Die meisten Beratungsangebote der großen sozialen Träger sind Chatbasiert. Insofern sollten Sie als Online-Coach zumindest Grundkenntnisse der Chatkommunikation besitzen.

  • Auch in den Weiterbildungen zu Online-Beratung (zum Beispiel an der Hochschule Nürnberg) spielt die Gestaltung von Beratungsprozessen von Chat-Coaching ein große Rolle. Sowohl hier als auch in Form des E-Mail-Coachings liegt vermutlich für Coachs der größte Bedarf an Kompetenzerweiterung.
  • Beim Chatten schreiben Coach und Coachee per Tastatur in einem Chatprogramm. Es entsteht ein geschriebener Dialog. Dieser ist einerseits verlangsamt durch die Tippgeschwindigkeit, andererseits beschleunigt, dadurch dass das Chatten die Kommunikationspartner herausfordert, schnell zu reagieren und die Dinge auf den Punkt zu bringen. Textblöcke werden in einzelnen Partien abgeschickt, damit die Wartezeiten nicht zu lang sind. Auch emotionale Anreicherungen der Texte sind möglich durch Emoticons 😉 und Gefühlsausdrücke *grmpf* oder *freu*. Auch kann die Formatierung des Textes das Verständnis erleichtern, indem Wichtiges fett oder kursiv formatiert wird.
  • Es gibt offene und kostenlose Chatprogramme im Netz wie Google Talk, den Facebook Chat oder ICQ, genauso wie Apps für das Smartphone, angeführt von WhatsApp, dem Facebook Messenger, iMassage und Ping. Die am Ende des Buches vorgestellten Coachingplattformen erlauben Chat in geschütztem Raum. Wenn Sie Chat als unterstützendes Medium „für Zwischendurch“ als Motivationsschub oder Ermutigung für Klienten für bestimmte Vorhaben einsetzen möchten, können Sie natürlich auf die verbreiteten offenen Technologien zugreifen. Wenn Sie allerdings ganze Sitzungen per Chat abhalten möchten, wäre es ratsam, dass Sie hier eine technische Lösung für sich finden, in der die Coaching-Kommunikation geschützt ist.

E-Mail-Coaching

Studien zufolge ist nach dem Präsenzcoaching das E-Mail-Coaching in seiner professionellen Form das beste Medium, um einen tiefen, veränderungsanregenden Coaching-Dialog einzugehen. Diese Form der Kommunikation ist im Grunde auch schon sehr alt, da sie auf der klassischen Form des Briefeschreibens basiert. Die Textdokumente, die dabei entstehen, sind oft sehr ausgereift und haben auch noch Jahre nach dem eigentlichen Online-Coaching einen hohen persönlichen Wert für die Klienten – nicht selten vielleicht auch für die Coachs, dokumentieren sie doch auch ein Stück persönliche und professionelle Entwicklung. Sie sind im Gegensatz zum Chat-Protokollen deutlich angenehmer zu lesen, weil tatsächlich die Textqualität eine andere ist.

Der Begriff E-Mail-Coaching ist etwas irreführend. Ich greife hier nur in Ermangelung eines besseren Begriffs darauf zurück. Letztlich werden im schreibenden Coaching keine (offenen) E-Mails ausgetauscht, der Kommunikationsverkehr basiert aber auf dem E-Mail-Prinzip. In Teil 2 dieser Artikelserie werde ich das näher erläutern.

In dieser Form des textbasierten Coachings findet eine Art geschriebene, zeitversetzte Konversation statt. Somit ist das E-Mail-Coaching die einzige Online-Coachingform, die tatsächlich zeitlich, nicht nur räumlich unabhängig ist (Asynchronizität). Sowohl Sender, als auch Empfänger entscheiden selbst, wann sie mit der Kommunikation fortfahren. Natürlich gibt es Absprachen, innerhalb welcher Zeiträume beispielsweise der Coachee mit einer Antwort des Coachs rechnen darf.

E-Mail-Coaching hat einen höheren Zeitbedarf, als F2F-Kommunikation, denn auch hier müssen die Inhalte ja getippt werden. Oft werden die Texte gar mehrfach überarbeitet, bevor sie abgeschickt werden. Es erfordert hohe Schreib- und Lesekompetenzen auf beiden Seiten, denn unklar formulierte und falsch interpretierte Botschaften führen schnell zu Missverständnissen. Es ist recht mühsam, diese Missverständnisse dann im Nachhinein wieder aufzufangen.

SMS-Coaching

Beim SMS-Coaching schreiben Sie als Coach eine kurze Textnachricht an Ihre/n KlientIn, evtl. antwortet er oder sie und es entspannt sich eine Art Chatdialog, häufig bleibt es aber bei einer Nachricht.

  • SMS-Coaching als kleinste Form des textbasierten Coachings wird meist in Verbindung mit anderen Online-Coachingmedien eingesetzt. Coachs schicken kurze Textbotschaften an Klienten als Erinnerungshilfe oder zur Motivation und Unterstützung bei konkreten Vorhaben, die im Coaching erarbeitet wurden.
  • Von Klienten wird dieser „Zusatzservice“ sehr gerne und gut aufgenommen. Sehen Sie doch, dass der Coach auch außerhalb der Sitzungen an sie denkt. Das unterstützt die persönliche Coachingbeziehung, die im Online-Coaching oft bewusster geführt und gepflegt werden muss als im Präsenzcoaching.
  • Es wir empfohlen, dass Sie als Online-Coach erst Erfahrungen mit Chat- und/oder E-Mail-Coaching erwerben, bevor Sie die Kurzbotschaften in Ihre Arbeit integrieren.

Sie sehen schon, die ganz unterschiedlichen Arten von Online-Coaching erfordern jeweils einen völlig anderen kommunikativen Zugang und ein unterschiedliches Set an Coaching- und Medienkompetenzen. Im nächsten Teil dieser Serie stelle ich Ihnen das Verfahren des textbasierten Online-Coaching näher vor. Wenn Sie über das Erscheinen des Artikels informiert werden möchten, tragen Sie sich in das Formular rechts in meinen Newsletter ein.

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